Konzept der Reggio-Pädagogik
Die Reggio-Pädagogik ist ein Erziehungskonzept, das in der
norditalienischen Stadt Reggio Emilia entwickelt wurde und dort in 13
städtischen Krippen und 20 Kindertagesstätten praktiziert
wird. Wichtigster Entwicklungsgeber war der Leiter der kommunalen
Krippen und Kindergärten Loris Malaguzzi (1920-1994). Unter seiner
Initiative wurde dieses neue pädagogische Konzept ab den
späten 60iger Jahren erdacht und umgesetzt. Doch wird und wurde
die Reggio-Pädagogik nicht nur von einer Persönlichkeit
geprägt, vielmehr ist sie ein Gemeinschaftsprojekt der Stadt und
ihrer Bewohner/innen. Der pädagogische Ansatz ist eng mit dem
besonderen politischen und soziokulturellen Hintergrund der Stadt und
Region um Reggio verknüpft. Diese Region in Italien zeichnet sich
durch einen hohen Lebensstandard und ein starkes basisdemokratisches
Engagement der Einwohner/innen aus. Die Kindererziehung wird hier nicht
als Sache der Einzelnen angesehen sondern als Gemeinschaftsaufgabe.
Grundsätze der Reggio-Pädagogik
Die Grundsätze der Reggio-Pädagogik sind begründet in
einem humanistischen, demokratisch geprägten Menschen- und
Gesellschaftsbild. Darin werden die Kinder als kompetente, starke
und kreative Persönlichkeiten betrachtet. Der Erziehung kommt die
Aufgabe zu, diesen Reichtum der Kinder zu bewahren und zu fördern.
Die „gemeinschaftliche Aufgabe Erziehung“ erfolgt dabei im
Dialog mit allen Beteiligten: dem Kind selbst, seiner Familie, den
Erzieherinnen und der Umgebung. Die Reggio-Pädagogik ist kein
fertig ausgearbeitetes Erziehungsprogramm, sondern wird von den
Erzieherinnen im Wechselspiel zwischen Theorie und praktischer
Erfahrung täglich weiterentwickelt.
"Hundert Sprachen hat das Kind"
Dieser Leitsatz der Reggio-Pädagog/innen, bringt zum Ausdruck,
dass Kinder nicht nur über eine Sprache verfügen, sondern
vielmehr in „100 Sprachen“ denken und kommunizieren, ihre
Umwelt erfahren und verarbeiten. In diesen 100 Sprachen verdeutlichen
sich das einzigartige Potenzial und die Kreativität der Kinder,
die sie in gesprochenen Worten, Zeichnungen oder durch Schauspiel
ausdrücken.
Das Material
Beim Spiel- und Arbeitsmaterial in der Reggio-Pädagogik handelt es
sich meist um diverse Alltagsmaterialien und Werkzeuge wie Pinsel,
Scheren, Gips, Schrauben, Holz, Farben usw. Gebrauchsfertiges Spielzeug
findet man kaum, sondern vielmehr Naturmaterialien, durch die sich die
Kinder mitteilen können, die sie sortieren und bearbeiten
können.
"Der Raum als dritter Erzieher"
Der räumlichen Ausgestaltung kommt in Einrichtungen der
Reggio-Pädagogik eine besondere Bedeutung zu. Die Räume
sollen die Kinder durch ihre Ausstattung anregen, selbst aktiv zu
werden.
In der Mitte der Kitas befindet sich, ähnlich einer kleinen Stadt,
ein zentraler Platz, die so genannte Piazza. Durch viele Glasfenster
abgeteilt schließen sich daran die Ateliers, Werkstätten,
Rückzugsräume und Denk-Ecken an. Neben den zahlreichen Bild-
und Fotoserien, Plakaten und Videopräsentationen befinden sich an
den Wänden auch zahlreiche Spiegel, in denen die Kinder sich
wahrnehmen und verschiedene Perspektiven entdecken können.
Die Dokumentation
Ein wichtiges Element in der Praxis der Reggio-Pädagogik ist die
Dokumentation der Aktivitäten und Fortschritte der Kinder.
Bilder, Fotos, Zitate der Kinder oder Bastelarbeiten finden ihren Platz
an den Wänden und/oder in von den Erzieherinnen angefertigten
Heftdokumentationen für jedes einzelne Kind. Diese für alle
sichtbare Dokumentation vermittelt den Kindern eine Wertschätzung
und Achtung ihres Tuns und bietet den Eltern und Erzieherinnen einen
Einblick in die Entwicklung und die Vorlieben jedes Kindes.
Die Rolle der Erzieherinnen
Die Erzieherinnen in der Reggio-Pädagogik verstehen sich als
Kooperationspartnerinnen und Begleiterinnen der Kinder. Die
Erzieherinnen beobachten und interpretieren das Verhalten der Kinder
und hören ihnen zu, um den Kindern dann gezielte Angebote und
Impulse für ihr Spiel oder neue Projekte geben zu können.
Daneben verfügt fast jede Reggio-Einrichtung über eine
Atelerista, eine Kunstpädagogin, die die Kinder bei der
künstlerischen Umsetzung unterstützt und den Erzieherinnen
hilft, die Werke der kleinen Künstler/innen zu analysieren.
In der Reggio-Pädagogik kommt es oft zu so genannten Projekten.
Diese entstehen aus einer Vorliebe eines Kindes oder aus einer Idee
heraus, und werden dann in Projekten unterschiedlicher Dauer umgesetzt;
die Spanne reicht von zwei Stunden bis zu einem Jahr. Die Erfahrungen
im täglichen Umgang mit den Kindern werden von den Erzieherinnen
genau dokumentiert und dann im Kolleginnenkreis und mit den Eltern
besprochen.
Literatur zur Reggio-Pädagogik
- Lingenauber, Sabine – Einführung in die Reggio-Pädagogik , Kinder, Erzieherinnen und Eltern als konstitutives Sozialaggregat; projekt verlag Bochum, Freiburg, 3. leicht veränderte Auflage 2005
- Lingenauber, Sabine (Hg.) – Handlexikon der Reggio-Pädagogik; projekt verlag Bochum, Freiburg, 2004
- Reggio-Pädagogik im Kindergarten, von Wolfgang Ullrich, Franz J. Brockschneider, Herderverlag, 2001
- Kinder mit erhobenem Kopf. Kindergärten und Krippen in Reggio Emilia / Italien, von Brigitte Sommer, Luchterhand 1999
- Was tut der Wind, wenn er nicht weht? Begegnungen mit der Kleinkindpädagogik in Reggio Emilia, von Annette Dreier, Luchterhand 1999
Original-Dokumentationen aus Reggio-Emilia, herausgegeben von ‚Reggio Children’, verlegt bei Luchterhand
- Rechte, ein Ausflug in die Rechte von Kindern, 1998
- Zärtlichkeit, eine Geschichte von Laura und Daniele, 1998
- Hundert Sprachen hat das Kind, deutsch-italienische Originalausgabe zur Ausstellung, 2001
- Alles hat einen Schatten, außer der Ameise, 2001
- Schuh und Meter, wie Kinder im Kindergarten lernen, 2002
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